Impostor-Syndrom: so vermeidest du das Gefühl, nicht gut genug zu sein

8 Nov ‘21
4 min
imposter syndrome

Du hast einen guten Abschluss gemacht und einen tollen Job gefunden, das Training für den Halbmarathon läuft ganz gut und du wohnst in einem schönen Haus, vielleicht mit einer netten Familie um dich herum. Du schließt alle möglichen Projekte erfolgreich ab und es gelingt dir problemlos dein Berufs- und Privatleben perfekt in Einklang zu bringen. Und doch hast du manchmal das Gefühl, dass du jeden Moment auffliegen wirst. Dass dein Chef plötzlich anruft und zornig fragt, was du um Himmelswillen gerade vorhast. Oder ein Kollege, der plötzlich merkt, dass du ‘eigentlich nur irgendwas tust’. Das ist das Impostor-Syndrom in seiner ganzen Pracht.

 

Was genau ist das Impostor-Syndrom?

 

Wörtlich übersetzt bedeutet Impostor-Syndrom ‘Hochstapler-Syndrom‘. Es bedeutet, dass wir das Gefühl haben, jeden Moment auffliegen zu können, weil wir insgeheim gar nicht so schlau/gut/fähig/witzig/usw. sind. Wir geben vor, besser zu sein, als wir es tatsächlich sind und können nur durch pures Glück dorthin gelangt sein, wo wir jetzt sind. Zumindest denken wir das.

 

Ein seltsamer Gedanke, denn umgekehrt betrachten wir andere Menschen meist nicht so. Hast du jemals bei einem Kollegen oder Freund gedacht, dass er sich das alles nur ausdenkt? Dass die Person insgeheim nicht annähernd so toll, schlau oder witzig ist, wie sie es immer vorgibt zu sein? Wahrscheinlich nicht.

 

Woher kommt das?

 

Im Gegensatz zu dem, was du vielleicht denkst, wird der Gedanke nicht direkt durch das Gefühl verursacht, dass wir etwas nicht können. Es handelt sich um ein falsches Bild der Außenwelt, das dafür sorgt, dass wir uns wie ein Hochstapler vorkommen. Schließlich ist unser Bild von anderen Menschen oft positiver als das Bild, das wir von uns selbst haben.

 

Wir sehen nur das Äußere von anderen, weshalb es den Anschein erweckt, als hätten diese von Natur aus all das nötige Wissen, den Humor oder die Fähigkeiten, wie ein Video von The School Of Life treffend erklärt. Was wir rein äußerlich nicht sehen, sind die vielen Zweifel, die Unsicherheiten und das Zögern, das der andere im Inneren erlebt. Genau wie du.

 

“Oft liegt der Ursprung dieser Gedanken in unserer Jugend. Als Kind schaust du zu deinen Eltern und anderen Erwachsenen auf, die alles können, was du nicht kannst. Und es fällt ihnen auch noch leicht”, erklärt Soesja, Psychologin bei OpenUp. Was du nicht siehst ist, dass auch sie das alles irgendwann mal gelernt haben und dass auch sie einst ein junges, unwissendes Kind waren.

 

“Du musst kein Superheld sein und auch nicht denken, dass andere das von dir erwarten, aus dem ganz einfachen Grund, dass andere es auch nicht sind.”

 

“Selbst die erfolgreichsten Menschen haben solche Gedanken”, erzählt Soesja weiter. “Auch große Schauspieler denken manchmal, dass sie eines Tages auffliegen werden.“ Studien belegen, dass etwa 70 Prozent der Menschen – egal ob jung oder alt, bekannt oder unbekannt, CEO oder Student – irgendwann in ihrem Leben einmal (ein bisschen) am Impostor-Syndrom leiden.

 

Mit dem Impostor-Syndrom umgehen

 

Die Herausforderung beim Impostor-Syndrom besteht darin, dass es oft keinen Unterschied macht, wie viel Arbeit du in etwas hineinsteckst oder wie viele Erfolge du erzielst, du hast dennoch das Gefühl, dass du nicht gut genug bist und dass andere es besser können als du.

 

Da wir alle mal mehr oder weniger mit dem Impostor-Syndrom in Berührung kommen werden, ist es gut, sich dessen bewusst zu sein, damit die hochstaplerischen Gedanken nicht die Oberhand gewinnen.

 

Merkst du, dass sich dein Kopf mal wieder im Impostor-Modus befindet? Diese Tipps können dir helfen:

 

1. Finde heraus, was sich hinter den Gedanken verbirgt

 

“Die Unsicherheit, die das Impostor-Syndrom mit sich bringt, hängt oft mit bestimmten Überzeugungen zusammen”, erzählt Psychologin Margit. “Gedanken sind nichts anderes als geistige Aktivitäten. Wir haben täglich Tausende von ihnen und auch wenn es manchmal so scheint, als wären sie alle wahr, sind sie es oft nicht. “

 

“In vielen Fällen basieren deine Gedanken nicht auf Tatsachen, was zu vielen Vorurteilen führen kann. In einem Beratungsgespräch begeben wir uns gemeinsam auf die Suche nach diesen Gedanken, die meist immer wiederkehren, und finden heraus, welche Überzeugungen dahinterstecken. Diese Überzeugung fordern wir heraus, indem wir uns fragen:

 

  • Worauf basiert dieser Gedanke?
  • Ist er tatsächlich wahr?
  • Gibt es Beweise dafür, dass er wahr ist?
  • Gibt es Beweise dafür, dass er nicht wahr ist?

 

Im Anschluss formulieren wir eine Überzeugung, die dir wirklich weiterhilft und sammeln Beweise dafür, dass sie wahr ist. “

 

Angenommen, du bist in deinem Job mit einem Projekt beschäftigt, aber zweifelst an deinen Fähigkeiten, alles organisieren zu können. Insgeheim weißt du nicht, wie du es angehen sollt und hast Google um Hilfe gefragt. Und das obwohl deine Kollegen scheinbar alles im Griff haben. Warum verstehen sie, welche Schritte sie nehmen müssen und du nicht? 

 

Du verstrickst dich in allen möglichen Gedanken und es stellen sich Zweifel ein. Deine Impostor-Gedanken gewinnen die Oberhand, aber warum genau? Denn worauf basierst du diese Gedanken? Und sind sie wirklich wahr? Gibt es andere Beweise als deine nicht auf Tatsachen basierenden Gedanken?

 

Mit etwas Abstand siehst du jetzt vielleicht ein, dass diese Gefühle absolut nicht nötig sind. Insgeheim finden solche Situationen regelmäßig in deinem Kopf statt, und auch dann ist es unnötig, sich nicht gut genug zu fühlen.

2. Konzentriere dich auf die positiven Dinge

Statt dich auf die Gedanken und Überzeugungen hinter den Impostor-Gefühlen zu fokussieren, kannst du auch die positiven Aspekte betrachten, schlägt Psychologe Jan vor.

 

“Es gibt schließlich einen Grund, warum du diesen Job bekommen hast, dein Studium erfolgreich abgeschlossen hast oder deine Freunde es toll finden, Zeit mit dir zu verbringen. Es lohnt sich, auch die positiven Seiten hervorzuheben. Welche Eigenschaften sorgen dafür, dass auch mal alles gut geht? Was schätzen andere an dir?” Konzentriere dich auf diese Dinge.

 

Ein tolles Buch, das dir dabei helfen kann, ist Entwickle deine Stärken, aber frage vor allem einmal deine Kollegen, Freunde, Familie oder Kommilitonen, was sie an dir schätzen.

 

3. Sprich darüber

 

Gedanken und Überzeugungen können sich selbst in die Luft jagen, wenn du sie in deinem Kopf einsperrst. Unnötig, denn wie gesagt: Oft verursachen sie alle möglichen Vorurteile.

 

Wenn du dich mit anderen unterhältst, kannst du herausfinden, was in ihren Köpfen vorgeht. Das kann eine große Erleichterung sein. Vor allem wenn du merkst, dass du nicht der einzige bist und dass andere ganz ähnliche Gefühle und Gedanken haben. Oft merkst du dann, dass auch sie allerlei Zweifel und Unsicherheiten mit sich herumtragen und lange nicht alles so problemlos bewerkstelligen, wie du denkst.

 

4. Werde dir bewusst, dass es in Ordnung ist, sich so zu fühlen

 

Unsicherheiten und Zweifel an uns selbst sind etwas Universelles. Jeder leidet mehr oder weniger darunter. Diese Impostor-Gefühle gehören zum Leben dazu und das ist in Ordnung. Es ist nicht das Ziel, dich niemals mehr als Hochstapler zu fühlen, sondern zu lernen, damit umzugehen, erzählt Psychologe Audrey Ervin dem TIME Magazine. “Man darf immer noch hin und wieder einen Impostor-Moment haben, aber man sollte kein Impostor-Leben führen.”

 

5. Lass dich nicht von deinem Impostor zurückhalten

 

Da du nun verstanden hast, dass es vor allem deine Gedanken – oder besser gesagt: deine geistigen Aktivitäten – sind, die den Impostor in dir wecken, ist es nun vielleicht einfacher, die Gedanken zu identifizieren und beiseite zu legen. Egal wie laut der Hochstapler in dir versucht zu schreien, lass dich nicht durch diese Gedanken davon abhalten, deine Träume zu verfolgen.

 

Es kann eine Herausforderung darstellen, sich allein mit seinen Gefühlen und Gedanken auseinandersetzen zu müssen. Gerne kann dich einer unserer Psychologen dabei unterstützen, die richtigen Fragen zu stellen und so deine Überzeugungen herauszufordern. Wir helfen dir.