Wenn du trotz Krankheit arbeitest, lies das hier

Annemarie Andre
Überprüft von Psycholog*in Eva Rüger
Mann arbeitet am Schreibtisch, neben ihm eine Tasse Tee.
Fast jede*r zehnte Corona-Infizierte geht in Deutschland zur Arbeit. 17 % arbeiten von zu Hause aus und weitere 17 % bleiben nur ein paar Tage zu Hause, bis die gröbsten Symptome vorbei sind. Insgesamt 72 % kurieren sich nicht vollständig aus. Dafür ausschlaggebend: was gerade auf der Arbeit los ist.

 

Die repräsentative Studie „Arbeit 2022” der Betriebskrankenkasse Pronova BKK, über die auch die Tagesschau berichtete, zeigt, dass sich trotz der Erfahrungen mit dem Infektionsschutz während der Corona-Pandemie nicht viel getan hat. Deutsche gehen weiterhin krank zur Arbeit. In diesem Artikel erklären wir dir, warum trotz Krankheit arbeiten weder für Unternehmen noch für Mitarbeitende gut ist und teilen Tipps von Psychologin Eva Rüger mit dir.

 

Ist die deutsche Arbeitsmoral gesund?

 

Deutsche lassen sich nicht bremsen. Nicht mal, wenn sie krank sind. Bereits vor der Pandemie ging – einer Studie der Techniker Krankenkasse (TK) zufolge – jede*r Zweite krank zur Arbeit. Das hat negative Folgen. Kranke Mitarbeitende stecken ihre Kolleg*innen an und gerade im Fall einer Corona-Infektion stellt das eine große Gefahr dar. Neben der Gesundheit der anderen, gefährden Mitarbeitende, die trotz Krankheit ins Büro gehen, auch das eigene Wohlbefinden.

 

Eine nicht auskurierte Krankheit kann langfristige gesundheitliche Folgen haben – sowohl körperlich als auch mental. „Wer sich nicht in Ruhe auskuriert, riskiert, dass Viruserkrankungen auch Herz oder andere Organe angreifen oder sich durch Medikamente unterdrückte Symptome verschlimmern”, erklärt Dr. Gerd Herold, Beratungsarzt bei der pronova BKK.

 

Gen Z und Millennials leiden am meisten

 

Die neue Studie zeigt, dass besonders unter 30-Jährige angeschlagen und gestresst sind. Zukunftsängste spielen bei der jungen Generation eine große Rolle. 

 

„Diese Generation war der Angst ausgesetzt, die erforderlichen Leistungen in Ausbildung und Studium durch ausgefallene Präsenzzeiten nicht erbringen zu können oder auch der Angst, dass sich Jobchancen insgesamt verschlechtert haben”, erklärt Patrizia Thamm, Psychologin und Referentin Gesundheitsförderung bei der pronova BKK. „All diese coronabedingten Unsicherheiten fördern Stress.”

 

Rund 19 % der 18- bis 29-Jährigen machen sich Sorgen, den eigenen Job zu verlieren. Um dem entgegenzuwirken, leisten 38 % Überstunden, während es im Altersdurchschnitt nur 30 % sind.

 

All diese Stressfaktoren machen Jüngere anfälliger für Infekte und psychische Herausforderungen. Im Krankheitsfall trotzdem zur Arbeit zu gehen, kann für Unternehmen jedoch teuer werden.

 

📖 Lies hier mehr über die Generation Z am Arbeitsmarkt.

 

Präsentismus ist teuer

 

„Wenn Mitarbeitende trotz Krankheit arbeiten, kann das nicht nur für sie selbst negative Folgen haben, sondern auch für das Unternehmen”, sagt Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der TK. „Krankheiten werden verschleppt, Kolleg*innen angesteckt und es passieren mehr Fehler.”

 

Einer Studie von Booz & Company zufolge verursacht Präsentismus doppelt so hohe Kosten wie krankheitsbedingte Fehlzeiten. Deutsche Unternehmen haben daher einen Produktivitätsausfall von 129 Milliarden Euro.

 

Warum also arbeiten so viele Mitarbeitende trotz Krankheit? Laut TK neigen weibliche Beschäftigte eher dazu, krank zur Arbeit zu gehen. Aber auch bereits überlastete Mitarbeitende arbeiten, wenn sie krank sind. Wer viele Überstunden macht, geht häufiger krank zur Arbeit, da schon im Normalfall die Zeit zu knapp wird.

 

Welche Rolle spielen Schuldgefühle?

 

Psychologin Patrizia Thamm führt das Arbeiten trotz Krankenstand auf weitere Ursachen zurück. „Da wäre die Angst um den eigenen Arbeitsplatz, der eigene hohe Erwartungsdruck, ein hoher Arbeitsrückstand und das Gefühl, die Kolleg*innen nicht im Stich lassen zu wollen”, sagt sie. Viele Mitarbeitende hätten ein so hohes Verantwortungsgefühl, das über die eigene Gesundheit gestellt würde.

 

Auch Schuldgefühle spielen hier eine große Rolle. „Wenn das Gefühl von Schuld aufkommt, schlussfolgern wir oft, dass wir etwas falsch gemacht haben und be- oder verurteilen unser Verhalten dadurch”, sagt Eva Rüger, Psychologin bei OpenUp.

 

„Das Schuldgefühl ist aber erstmal dazu da, uns zu signalisieren, dass wir von unserer Wertvorstellung abweichen. Wenn wir das Gefühl von Schuld als Erinnerung an unsere Werte interpretieren, aber daraus nicht direkt eine negative Bewertung ableiten, fällt es leichter, damit umzugehen.”

 

Es gäbe keine Notwendigkeit, das Schuldgefühl loszuwerden. Eva Rüger erklärt: „Wir können es so wahrnehmen, es verstehen, und uns trotzdem auf unsere Gesundheit konzentrieren und uns die Zeit nehmen, die wir brauchen, um wieder fit zu werden.”

 

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Tipp bei Schuldgefühlen

Überlege dir, was du einem*einer Freund*in raten würdest. Gib dir selbst einen ebenso liebevollen Ratschlag. Warum? Oft sind wir nachsichtiger und wohlwollender mit Personen um uns herum als mit uns selbst. Wahrscheinlich würdest du dir für einen Freund wünschen, dass er sich Zeit nimmt und die Krankheit ohne Stress auskuriert.

Grenzen setzen

 

Und was, wenn der Arbeitgeber von dir verlangt, ein paar Aufgaben aus dem Krankenstand zu erledigen? „Das kann ganz schön schwierig sein, gerade wenn durch die Krankschreibung eigentlich schon eine Grenze gezogen wurde”, sagt Eva Rüger. 

„Wiederholt Nein sagen kann eine Herausforderung sein, aber Deutlichkeit ist hier sehr wichtig. Grenzen setzen bedeutet in diesem Fall, dass du auf dich aufpasst und deine Gesundheit priorisierst, es bedarf keiner großen Erklärung.

 

Wie OpenUp dich unterstützen kann

 

Oft ist uns bewusst, dass es vernünftiger wäre, sich erst mal auszukurieren. Was aber, wenn du das Gefühl hast, die eigenen Aufgaben nicht abgeben zu können? Oder wenn du damit niemanden belasten willst? 

 

Unsere Psycholog*innen unterstützen dich gerne in einem kostenlosen und unverbindlichen Erstgespräch und helfen dir dabei, Grenzen zu setzen und deine eigene physische und mentale Gesundheit in den Vordergrund zu rücken.