Coming-out: Wie kannst du dich auf der Arbeit als LGBTQIA+ outen?

OpenUp Redaktion
Überprüft von Psycholog*in Judith Klenter

Offen sich selbst gegenüber zu sein und auch das wahre Ich zu zeigen, hat einen großen Einfluss auf die psychische Gesundheit. Studien zeigen jedoch, dass jede*r dritte LGBTQIA+-Beschäftigte nicht offen über die eigene sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität spricht, weil Diskriminierung am Arbeitsplatz oder geringere Karrierechancen befürchtet werden.

 

Die Gründe für das Bedenken oder Zögern sind von Person zu Person verschieden und auch situationsabhängig – und jeder einzelne Grund ist absolut berechtigt. Denn herauszufinden, ob und wie man mit dem eigenen Coming-out am Arbeitsplatz umgehen soll, kann immer noch eine Challenge sein. Diskriminierung und Stigmatisierung sind leider immer noch sehr präsent. Dadurch fühlen sich immer mehr Menschen dazu gezwungen, ihr wahres Ich am Arbeitsplatz zu verbergen.

 

Mentale Gesundheit und LGBTQIA+

 

Zwar hat jeder Mensch hin und wieder mit dem eigenen psychischen Wohlbefinden zu kämpfen, allerdings sind psychische Erkrankungen bei LGBTQIA+-Personen oftmals häufiger verbreitet. Dies hat mit den negativen Erfahrungen zu tun, die LGBTQIA+-Personen regelmäßig durchmachen: Diskriminierung, Homophobie oder Transphobie, soziale Isolation, Ablehnung und Schwierigkeiten sich zu outen.

 

Im Arbeitsumfeld haben Untersuchungen gezeigt, dass das ständige Bemühen, als cisgender/hetero durchzugehen, bei den Interaktionen mit Kolleg*innen, anstrengend ist und mentale Energie kostet. In einigen Fällen kann es sogar die Geschlechtsdysphorie verstärken.  

 

Das Bekenntnis zu LGBTQIA+ kann sich positiv auf das psychisches Wohlbefinden auswirken. Man fühlt sich selbstbewusster und erleichtert, es erhöht das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, und man entwickelt bessere Beziehungen zu Familie, Freund*innen und Kolleg*innen. Vielleicht geht das Coming-out auch mit gutem Beispiel voran und ermutigt es weitere Kolleg*innen, sich zu outen und so ein sichereres Umfeld für LGBTQIA+-Personen zu schaffen.

 

Wie ist das Arbeitsklima?

 

Ein Coming-out ist keine einfache Sache. Man fragt sich vielleicht, wie Kolleg*innen darauf reagieren werden und ob sie einem anders behandeln werden. Vielleicht hat man auch Angst vor negativen Kommentaren oder Klatsch und Tratsch im Büro.

 

Das sind sehr berechtigte Überlegungen: In den USA berichten über 40 % der LGBTQIA+-Beschäftigten, dass sie am Arbeitsplatz ungerecht behandelt werden, und über 36 % der LGBTQIA+-Beschäftigten ziehen in Betracht, ihr derzeitiges Unternehmen zu verlassen, wenn es nicht konsequent gegen Diskriminierung auftritt.

 

Wenn du erwägst, dich zu outen, dann frag dich, welche Auswirkungen dies in deiner Organisation haben könnte, bevor du den nächsten Schritt setzt. Die folgenden Fragen, die von der Human Rights Campaign entwickelt wurden, könnten dir bei dieser Einschätzung helfen:

 

  • Verfügt dein*e Arbeitgeber*in über eine Antidiskriminierungspolitik und beinhaltet diese auch die sexuelle Ausrichtung und Geschlechtsidentität?
  • Gibt es an deinem Arbeitsplatz ein LGBTQIA+ Netzwerk?
  • Wie ist das allgemeine Klima am Arbeitsplatz? Gibt es jemanden, der offen LGBTQIA+ ist?
  • Wie sind deine Arbeitsbeziehungen und sprechen Leute bei der Arbeit über ihr Privatleben?
  • Gibt es in deinem Land ein Antidiskriminierungsgesetz?

 

Vorteile eines Coming-outs bei der Arbeit

 

Nachdem du den Status deines Unternehmens bewertet hast, wirst du eine bessere Vorstellung von Reaktionen oder Herausforderungen haben, die auf dich zukommen könnten. Vergiss nicht, dass dieser schwierige Prozess auf lange Sicht auch Vorteile mit sich bringt.

 

Studien zeigen, dass LGBTQIA+, die sich als Frauen identifizieren und sich am Arbeitsplatz outen, mit ihrer Karriere zufriedener sind und sowohl ihre Unternehmen als auch ihre Führungskräfte positiver beurteilen als ihre “verschlossenen” Kolleg*innen.

 

Die Psychologin Judith Klenter weist darauf hin, dass Bindungen und tiefere Beziehungen vor allem dadurch entstehen, dass man etwas Persönliches mit anderen teilt. Wenn du das Gefühl hast, dass dies für dich nicht möglich ist, dann fühlst du dich wahrscheinlich eher von deinen Kolleg*innen isoliert.

 

Im Gegensatz dazu kann es sich positiv auf gegenseitige Beziehungen auswirken, wenn du offen sein kannst und feststellst, dass deine Kolleg*innen dich akzeptieren. 

 

Ein Coming-out am Arbeitsplatz ermöglicht unter anderem Folgendes: 

 

  • Du kannst so sein, wie du wirklich bist!
  • Du kannst mit deinen Kolleg*innen offen über dein Privatleben sprechen.
  • Du kannst Freundschaften am Arbeitsplatz aufbauen und pflegen.
  • Du musst nicht ständig aufpassen, was du sagst, oder welche Informationen du teilst.

 

So kannst du dich outen

 

Wenn du dich dazu entschließt, dich zu outen, gibt es keine Zauberformel, keine festgelegten Worte und vor allem keinen richtigen oder falschen Weg, dies zu tun. Die Unternehmenskultur spielt dabei eine große Rolle, genauso wie die Frage, wie wohl du dich dabei fühlst, diese Informationen zu teilen.

 

Sobald du bereit bist, kannst du eine oder mehrere der folgenden Strategien ausprobieren:

 

1. Ermittle dein Support-System (Freund*innen/Familie): Wer kann dir während des Prozesses helfen? Mit wem kannst du reden und vielleicht sogar um Rat fragen?

 

2. Tauche tiefer ein: Bevor du dich outest, solltest du vielleicht erst einmal das Wasser testen, indem du LGBTQIA+-bezogene Nachrichten/Themen ansprichst und die Reaktionen deiner Kolleg*innen abwartest. Beginne, mit einigen Kolleg*innen über LGBTQIA+-bezogene Themen zu sprechen, um herauszufinden, was sie denken und glauben.

 

3. Gehe selektiv vor: Wenn du dich outen möchtest, fühlst du dich vielleicht am wohlsten, wenn du Gleichgesinnte im Unternehmen findest und mit diesen zuerst Kontakt aufnimmst – vielleicht sind sie sogar selbst LGBTQIA+ oder unterstützen die Community aktiv. Gehe schrittweise vor, indem du dich zunächst bei einigen wenigen outest, bei denen du dich sicher fühlst. So hast du etwas Zeit, um deren Reaktionen zu verarbeiten und selbst mit der neuen Situation umzugehen.

 

4. Atme tief durch! Ein Coming-out ist nicht für alle gleich: Es kann beiläufig in einem Gespräch mitgeteilt werden („Ich gehe heute Abend mit meinem*r Partner*in essen, sie hat einen Tisch in einem tollen Restaurant reserviert“) oder es kann direkter erfolgen („Ich bin queer/LGBTQIA+“, „meine Pronomen sind sie/ihr“). Eine andere Möglichkeit wäre, eine andere Person, der du vertraust, zu bitten, dies für dich zu tun (z. B. eine*n Kolleg*in, mit dem du eng befreundet bist, oder deinen Vorgesetzten). Dies könnte nützlich sein, wenn du dir nicht die Mühe machen willst, anderen die Aspekte deiner Queerness zu erklären. Doch vergiss nicht: Du solltest niemals jemanden ohne dessen Zustimmung outen!

 

5. Mit der Personalabteilung besprechen: Dies kann nützlich sein, wenn formale Änderungen erforderlich sind (z.B. Information über deine Pronomen, Änderung des Namens oder Geschlechts im Ausweis). 

 

Bleibe mutig… und stolz!

 

Ein Coming-out ist für die meisten LGBTQIA+ Menschen keine einmalige Sache. Du kannst selbst entscheiden, ob du dich am Arbeitsplatz outen willst, wem gegenüber du dich outest, wann (und ob) du dich bereit fühlst und wie du vorgehen möchtest. Es ist wichtig, dir vor Augen zu halten, dass ein Coming-out am Arbeitsplatz nie eine Verpflichtung ist, sondern eine persönliche Entscheidung, die du bewusst triffst, wenn die Zeit und das Umfeld für dich passen.

„Es wäre gut, wenn innerhalb eines Teams Heterosexualität weder vorausgesetzt noch erwartet wird“, erklärt Psychologin Kletter. „Ein Schritt, um dies zu erreichen, ist die Verwendung einer geschlechtsneutralen Sprache, sowohl in der Stellenausschreibung (dies wird LGBTQIA+ motivieren, sich überhaupt zu bewerben) als auch im täglichen Umgang miteinander, z. B. keine Unterstellung von Pronomen von Kolleg*innen, das Fragen nach dem*der Partner*in eines Mitarbeitenden und nicht nach dessen Ehemann/Ehefrau und das Büro so zugänglich wie möglich für queere Kolleg*innen zu machen.“

Manche LGBTQIA+-Mitarbeitende lassen sich Zeit, um sich am Arbeitsplatz zu outen und für andere ist es völlig in Ordnung, sich überhaupt nicht zu outen. Unabhängig davon, ob du dich entscheidest, deine Sexualität offenzulegen oder nicht, ist es das Wichtigste, dass du dich an deinem Arbeitsplatz sicher, wohl, akzeptiert und angenommen fühlst.

 

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