Warum gehen Menschen fremd?

7 Dec ‘22
7 min
Annemarie Andre
Überprüft von Psycholog*in Pia Linden
A couple walking hand in hand on the left, a heartbroken guy on the right.
Vom leidenschaftlichen Kuss mit dem Mitbewohner bis hin zur Affäre, die in einer Verlobung endete: In unserem Artikel erzählen 3 Frauen, warum sie ihrem Partner fremdgegangen sind. Psychologin Pia Linden erklärt, warum wir Menschen überhaupt Seitensprünge wagen und wie eine aufrichtige Kommunikation mit allen Beteiligten tatsächlich funktionieren kann.

 

Dieser Artikel – sowie die aktuelle Scheidungsrate – ist nichts für hoffnungslose Romantiker*innen. In Deutschland kommt auf jede dritte Eheschließung eine Scheidung. Bis der Tod euch scheidet, ist in vielen Fällen schon nach fünf bis sieben Jahren. Auch ohne Eheschließung scheitern Partnerschaften aus unterschiedlichen Gründen – einer davon ist der Seitensprung. Doch warum gehen Menschen überhaupt fremd?

 

„Ich war erregt und angetörnt durch den Kuss, hatte aber ein schlechtes Gewissen”

 

Marian war bereits drei Jahre mit ihrem Partner zusammen, als sie fremdging. Einen Auslöser gab es dafür nicht, alles sei sehr langsam passiert. Mein Partner war beruflich sehr eingespannt und da ich oft zu Hause mit meinem besten Freund arbeitete, begann ich, mehr von meinem Leben mit ihm zu teilen als mit meinem Partner”, erzählt Marian. Allmählich sei das Gefühl entstanden, ihrem besten Freund emotional näher zu sein als ihrem Partner. 

 

Eines Abends, beim Fortgehen, sei es dann passiert. Betrunken sagten wir uns, dass wir uns sehr gern haben und bestätigten unsere Gefühle füreinander mit einem leidenschaftlichen Kuss.” Danach habe sie erst mal das schlechte Gewissen überkommen. Marian sei einerseits erregt gewesen durch den Kuss, aber habe sich andererseits die Frage gestellt, wie sie dieses Problem lösen und ihre Beziehung fortsetzen könne.

 

Ich habe es meinem Partner direkt am nächsten Tag gesagt, was sehr schwer war. Ich konnte nämlich nicht lügen und sagen, dass der Kuss nichts bedeutet hätte”, sagt Marian. Daraufhin habe sich Marians Partner von ihr getrennt. „Er hatte das Gefühl, dass ich mich nicht wirklich für ihn entschieden hatte und konnte nicht mit jemandem zusammen sein, der auch Gefühle für jemand anderen hat.”

Two roommates, one happy, one sad

„Er hat mich so gesehen, wie ich mich sehen wollte und es aber nie getan habe”

 

Klara (Name von der Redaktion geändert) denkt rückblickend, dass sie sich schon viel früher von ihrer 2,5 Jahre andauernden Beziehung verabschieden hätte sollen. Sie habe sich zu einer Trennung nur nicht durchringen können – bis auf einmal dieser neue Mensch in ihr Leben gekommen sei. „Er hat einige Bindungsbedürfnisse aus meiner Kindheit getriggert und das gelebt, was ich in meiner Beziehung vermisste”, erzählt sie. 

 

Sie habe sich dann sehr schnell von ihrem Partner getrennt, um sich darüber klar zu werden, was sie eigentlich wolle – unabhängig von der Affäre. Kommuniziert habe sie den Seitensprung allerdings nicht, um ihren Partner nicht noch mehr zu verletzen. Ich stand zwischen Extase und unfassbaren Andrenalinschüben, weil sich auf einmal mein komplettes Leben auf den Kopf gestellt hatte – Verliebtheit und Veränderung zugleich.” 

 

Mittlerweile ist Klara mit ihrer damaligen Affäre verlobt. Rosarot sieht sie das, was passiert ist, trotzdem nicht. Die Affäre hat viel Schmerz ausgelöst, auch nach der Trennung von meinem Partner. Meine Affäre stand selbst zwischen zwei Frauen und entschied sich erst gegen mich, bis wir beide gemerkt haben, dass wir ohne die andere Person nicht können”, erzählt sie.

Woman holding engagement ring up.

„Ich war glücklich über die emotionale Verbindung, die mit dem Betrug einherging”

 

Zum Zeitpunkt des Betrugs habe Anna (Name von Redaktion geändert) schon längere Zeit gefühlt, dass ihr Partner emotional abwesend sei. „Als ich mit einem guten Freund zusammen war, bei dem ich mich wohl fühlte, war es ganz natürlich, dass wir rummachten”, erzählt sie.

 

Danach habe sie sich zwiegespalten gefühlt: Einerseits habe sie sich schrecklich gefühlt, andererseits sei sie auch glücklich gewesen über die emotionale Verbindung, die damit einherging.

 

Anna habe erstmal nichts gesagt. Erst zwei Jahre später habe sie ihrem Partner mitgeteilt, was passiert sei. Ich habe es in einem emotionalen Moment erzählt, in dem ich mich sicher fühlte”, erzählt Anna und fährt fort: Ich hatte den Eindruck, dass er loslassen konnte, da es vor einiger Zeit passiert ist, aber er war nicht ehrlich, also war es im Endeffekt nicht gelöst.” Schlussendlich trennten sich Anna und ihr Partner.

Woman sitting on a chair thinking about a guy.

Warum gehen Menschen (psychologisch gesehen) fremd?

 

Zwar gibt es genug Berichte und Interviews über glückliche Menschen, die fremdgehen. In vielen Beziehungen liegt aber, wie die Erfahrungen von Klara, Anna und Marian zeigen, ein größeres Problem vor. Manche Faktoren machen das Fremdgehen wahrscheinlicher als andere. 

 

„Ein Seitensprung passiert eher, wenn es Distanz oder Meinungsverschiedenheiten zwischen Partner*innen gibt”, erklärt Psychologin Pia Linden. „Das kann daran liegen, dass sich jemand einsam, unverstanden oder unbefriedigt in seinen Erwartungen an die Beziehung fühlt.”

 

Für Linden hat eine gesunde Partnerschaft oft mit gegenseitigen Erwartungen zu tun. „Es ist immer eine gute Idee, die eigenen Erwartungen an die Beziehung zu erforschen und diese regelmäßig gemeinsam zu überprüfen. Auf diese Weise können beide konstruktiv an unerfüllten Bedürfnissen arbeiten oder gemeinsam entscheiden, dass die Beziehung nicht mit den jeweiligen Erwartungen übereinstimmt.” 

 

Außerdem kann bereits früh an der Partnerschaft gearbeitet werden. „Reden ist alles. Wenn du deine Erwartungen zum Ausdruck bringst, könnt ihr als Paar darauf reagieren. Wenn du dich zum Beispiel nach mehr Aufregung sehnst, dann könnt ihr gemeinsam herausfinden, wie das aussehen würde”, sagt Linden.

 

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Wenn’s funkt: Die Chemie muss stimmen

Jede Beziehung – also auch die Affäre – kommt erst mal durch die richtige (Bio-)Chemie zustande. Was passiert in unserem Körper, wenn wir jemanden anziehend finden?

 

Verliebtsein ist ein starker Hormoncocktail. Adrenalin, Oxytocin, Vasopressin, Testosteron, Dopamin und Serotonin sind die wichtigsten Hormone und Nervenbotenstoffe, die dabei unseren Körper durchfluten. Oxytocin ist bei vielen als „Kuschelhormon” bekannt. Unser Gehirn schüttet es aus, wenn wir uns stark binden oder intim werden. Durch Oxytocin fühlen wir uns weniger gestresst, selbstbewusster und fassen mehr Vertrauen in andere Menschen. 

 

Die Forschung deutet darauf hin, dass manche Menschen treuer auf die Welt kommen als andere. Grund dafür: ein sogenanntes Treue-Gen. Im Belohnungszentrum unseres Gehirns sitzen Rezeptoren für das Hormon Vasopressin. Je höher diese Rezeptorendichte, desto treuer sind die Partner*innen – besagt zumindest eine Studie an Wühlmäusen.

Es ist passiert! Was jetzt?

 

Beichten oder nicht? Vor dieser Frage stehen viele Menschen, die fremdgegangen sind oder vielleicht sogar eine längere Affäre haben. „Es gibt keinen einfachen Weg, einen Seitensprung mitzuteilen. Es ist wichtig, dass du dir überlegst, was du mit dem Gespräch erreichen willst”, erklärt Pia Linden. 

 

Zuerst sei es wichtig, sich selbst über die Bedeutung des Seitensprungs im Klaren zu sein. „Erörtere, wie es zu den Ereignissen kam, was dazu beigetragen hat? Was sind deine Gründe? Welche Erwartungen an eine Liebesbeziehung stehen hinter deinem Handeln?” 

 

Das eigene Verhalten und die Gefühle zum Ausdruck zu bringen, sei dabei besonders wichtig. „Achte darauf, dass du dich sehr klar ausdrückst und keine vagen Formulierungen verwendest und keine Interpretation zulässt. Sag zum Beispiel: ‘Ich hatte bei drei verschiedenen Gelegenheiten Sex mit X’ anstatt ‘Ich hatte ein paar Mal mit jemand anderem Sex’. Versuche nicht, diese schwierige Situation durch Lügen zu mildern. Sei bereit, auf die (dreckigen) Details einzugehen.”

 

Das Verteidigen der eigenen Handlungen sei an dieser Stelle fehl am Platz. „Stell sicher, dass du ehrlich – auch zu dir selbst – darüber bist, was zur Untreue geführt hat”, sagt Linden. 

 

Wichtig: Auch wenn du etwas getan hast, was so in der Partnerschaft nicht vereinbart wurde, bist du nicht für alle Zeiten der Sündenbock. Psychologin Linden stellt fest: „Fremdgehen gibt niemandem das Recht, dich anzugreifen oder diese Situation zu missbrauchen. Du musst deine Privatsphäre nicht aufgeben oder jemandem erlauben, dein Leben zu kontrollieren, weil du fremdgegangen bist.” 

 

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Wie dich OpenUp unterstützen kann

 

Ein*e Paartherapeut*in ist am besten dafür geeignet, um gemeinsam aktiv an der Beziehung zu arbeiten. Das gibt euch außerdem die Möglichkeit, an den gegenseitigen Erwartungen zu arbeiten. Ein Gespräch mit den Psycholog*innen von OpenUp kann eine wichtige Rolle spielen, wenn du darüber nachdenkst, deinen Seitensprung zu beichten oder herauszufinden, was du wirklich in deinem Leben und von deiner Beziehung willst.